
Vor langer Zeit lebten in einem fernen Land eine arme Witwe und ihr einziger Sohn Hans in einem kleinen Häuschen.
Eines Tages hatten sie nichts mehr zu essen und auch kein Geld, um etwas zu kaufen.
„Hans!“ rief die Mutter.
„Hier bin ich, Mutter“, sagte Hans, dem der Magen knurrte.
„Hans, du mußt mit unserer Kuh auf den Markt gehen und sie verkaufen“, sagte die Mutter.
„Aber paß auf, daß du genug Geld für sie bekommst. Wir haben sonst nichts mehr und brauchen das Geld, damit wir uns was zu essen kaufen können.“
Hans ging zur Kuh auf die Wiese und band ihr einen Strick um den Hals.
Dann machten sich die beiden auf den Weg in die Stadt, zum Markt.

Plötzlich war Hans nicht mehr allein.
Ein hutzliges altes Männlein ging neben ihm her.
„Seltsam“, dachte Hans bei sich, „ich habe niemand kommen gesehen.“
„Du hast aber eine prächtige Kuh“, sagte der fremde Mann freundlich.
„Ja,“ antwortete Hans, „aber nicht mehr lange.“
„Was soll das heißen?“ fragte der Alte.
„Ich bringe sie gerade zum Markt, um sie zu verkaufen“, erklärte ihm Hans.
„Und wenn ich sie dir abkaufe?“ fragte das Männlein.
„Das geht nicht“, antwortete Hans.
„Ich muß zum Markt, weil ich sie so teuer wie möglich verkaufen soll.“
„Ich biete dir einen guten Preis“, sagte der Mann.
„Wieviel?“ wollte Hans wissen.
„Sieben Zauberbohnen“, antwortete der Alte und hielt ihm eine Handvoll Bohnen hin.
„Pah, Bohnen!“ rief Hans.
„Es sind aber Zauberbohnen“, erklärte ihm das Männlein.
„Ich gebe dir die Bohnen für die Kuh, und dein Leben wird anders werden.“
„Das glaub’ ich dir gern“, sagte Hans.
„Meine Mutter wäre wohl kaum sehr glücklich darüber, wenn ich mit einer Handvoll Bohnen heimkäme.
Tut mir leid, ich muß die Kuh am Markt verkaufen.“
„Du wirst nicht viel Erfolg haben“, sagte der Alte.
„Aber geh nur. Auf Widersehen!“
„Guten Tag“, grüßte Hans zurück und setzte seinen Weg fort.

Am Markt in der Stadt herrschte emsiges Treiben.
Hans stellte sich mitten auf den Platz und bot lauthals seine Kuh zum Verkauf an, doch keiner wollte sie.
„Die Kuh ist billig“, rief er immer wieder.
Aber niemand kaufte die Kuh.
Und als die Leute am Markt gegen Abend anfingen zusammenzupacken, hatte Hans seine Kuh immer noch.
„Na, dann nicht“, sagte er zu seiner Kuh.
„Komm, ich bring’ dich nach Hause.“
Als sie ein Stück gegangen waren, tauchte der alte Mann plötzlich wieder auf.
„Da bist du ja wieder mit deiner Kuh“, sagte er zu Hans.
„Und ich hab’ immer noch die sieben Zauberbohnen.“
Da blieb Hans stehen und überlegte:
„Wenn ich die Kuh heimbringe, haben wir gar nichts zu essen.
Aber wenn es wirklich Zauberbhonen sind, vielleicht helfen die uns weiter, und es ändert sich etwas in unserem Leben.“
„Also gut“, sagte er zu dem Alten.
„Ich geb’ dir die Kuh für die Bohnen.“
„Du wirst es sicher nicht bereuen“, meinte der Alte.
„Viel Glück!“
„Danke“, sagte Hans, nahm die Bohnen und lief heim.
Als er sich umsah, war der alte Mann spurlos verschwunden.

„Bohnen!“ schimpfte die Mutter, als Hans ihr zeigte, was er für die Kuh bekommen hatte.
„Wie sollen wir von sieben Bohnen leben?“
„Es sind Zauberbohnen“, erklärte Hans.
„Zauberbohnen! So ein Unsinn!“ sagte wütend die Mutter und warf die Bohnen aus dem Fenster.
An diesem Abend mußten Mutter und Sohn hungrig schlafengehen.
Als Hans am nächsten Morgen aufwachte, schimmerte grünes Licht durch sein Fenster herein.
„Seltsam“, dachte Hans und ging zum Fenster.
Und was sah er?
Einen dicken grünen Stamm mit riesigen grünen Blättern, der am Fenster vorbei in den Himmel wuchs.
„Hans!“ hörte er da die Mutter rufen.
„Um Himmels willen, was ist das?“
Hans rannte die Treppe hinunter und sah vor die Haustür.
„Es sind die Bohnen!“ sagte er.
„Sie wachsen himmelhoch, genau an der Stelle, wo du sie gestern hingeworfen hast.
Komm und sieh dir das an!“
Und wirklich, die Bohnenstange schien geradewegs in den Himmel zu wachsen und verschwand in den Wolken.

„Ich glaube, ich klettere da mal rauf“, sagte Hans.
„Ach Hans! Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist“, meinte die Mutter.
„Du hast ja keine Ahnung, wo dich das hinführt.“
„Das werde ich schon herausfinden“, sagte Hans darauf und kletterte los.
„Schließlich hat der alte Mann gesagt, daß sich mein Leben ändern würde.“
Höher und höher kletterte er hinauf, bis ihn dicke, weiße Wolken einhüllten.
Als er durch die Wolkenschicht durch war, sah er, daß die Bohnenranke hier zu Ende war.
Vor ihm lag ein Weg, der zu einem Schloß in der Ferne führte.
Als er beim Schloß ankam, fand er das riesige Schloßtor versperrt und zog an der Glockenschnur.
Eine riesengroße Frau kam un öffnete ihm das Tor.
„Wie bist du hergekommen?“ fragte sie.
„Komm schnell herein, bevor mein Mann heimkommt.“
Sie brachte Hans in die Küche.
Alles dort war riesig, und Hans kam sich unendlich winzig vor.
Der Tisch war so hoch für Hans, daß er wie auf einen Berg hinaufklettern mußte.
Die Riesin half ihm dabei.
„Du bist sicher hungrig“, sagte sie.
„Komm, ich mach’ dir ein Frühstück.“
Hans bekam einen Teller hingestellt.
Obwohl es ein Riesenteller war, aß er alles auf, denn vom vielen klettern hatte er einen Bärenhunger bekommen.

Plötzlich hörte er polternde Schritte auf der Treppe.
„Das ist mein Mann“, sagte die Riesin.
„Schnell, versteck’ dich! Wenn er dich finde, frißt er dich.“
Da schlüpfte Hans rasch hinter eine Schranktür, guckte aber neugierig durch ein Türspalt.
Als der Mann der Riesin in die Küche kam, erschrak Hans sehr.
Er hatte noch nie so ein fürchterliches Ungeheuer gesehen.
„Ich rieche Menschenfleisch“, brüllte der Riese und trampelte herein.
„Sei es lebendig oder tot, ich leg’ mir das Menschlein aufs Frühstücksbrot!“
„Was du nur wieder daherredest“, sagte sein Weib.
„Es ist doch gar kein Mensch hier. Komm, dein Frühstück steht schon auf dem Tisch.“
Der Riese setzte sich und langte tüchtig zu.
Hans konnte zusehen, wie er schmatzend das Frühstück in sich hineinschlang.
Hin und wieder hielt er inne, schnupperte, murmelte etwas vor sich hin und aß dann weiter.
Als er eindlich satt war, lehnte er sich zufrieden zurück.
Dann befahl er in barschem Ton seiner Frau:
„Bring mir das goldene Huhn!“

Sie brachte ein kleines, goldenes Huhn und stellte es vor den Riesen auf den Tisch.
„Nur leg’ mir schöne Eierchen!“ sagte der Riese.
Da fing das Huhn an, Eier zu legen – es waren aber goldene Eier.
Hans sah das und dachte:
„So ein Huhn hätte meine Mutter siche auch gerne.“
Mucksmäuschenstill wartete er ab.
Der Riese hatte einen vollen Bauch und wurde schläfrig.
Bald war er eingeschlafen und schnarchte laut.
Das war der Augenblick, auf den Hans gewartet hatte.
Er kam aus seinem Versteck hervor und kletterte auf den Tisch.
Leise kroch er am Riesen vorbei, fing sich das goldene Huhn und rannte davon – raus aus dem Schloß und zur Bohnenranke.
Flink rutschte er an ihrem Stamm hinunter.
Seine Mutter war sehr erleichtert, als er wohlbehalten ankam.
Und as das Huhn die ersten goldenen Eier legte, war die Freude riesengroß.
Nie mehr hungern – herrlich!

Mit der Zeit fand Hans das Leben ziemlich langweilig.
Alle Sorgen waren vorbei, sie hatten genug zu essen und anzuziehen.
Eines Tages sagte er zu seiner Mutter:
„Ich werde noch einmal raufklettern.“
„Aber wozu denn?“ fragte die Mutter.
„Wir haben doch alles, was wir brauchen.“
„Ich will einfach sehen, was es da oben sonst noch gibt“, sagte Hans und kletterte wieder los.
Diesmal schlich er sich leise ins Schloß und versteckte sich in einer Schublade.
Nach einer Weile hörte er den Riesen hereinpoltern.
„Ich rieche, rieche Menschenfleisch“, brüllte der Riese wiederum.
„Sei es lebendig oder tot, ich leg’ mir das Menschlein aufs Frühstücksbrot. Und diesmal erwisch’ ich es.“
„Ich helfe dir suchen“, sagte seine Frau.
„Der Bengel hat dein Lieblingshuhn geklaut.“
Der Riese und seine Frau suchten überall, aber sie konnten Hans nirgends finden.
„Komm, ärgere dich nicht mehr, mein Lieber“, sagte die Frau.
„Ich mach’ dir dein Mittagessen, und dann kannst du dich hinlegen und ein bißchen schlafen.“
Der Riese setzte sich zu Tisch und begann zu essen.
Hans saß in der Schublade, direkt unter seiner Nase.
Immer wieder schnupperte der Riese, aß aber dann weiter.
Als er fertig war, rief er seiner Frau im Befehlston zu:
„Bring mir meine goldene Harfe! Sie soll mich in den Schlaf singen!“
Die Frau brachte die Harfe und stellte sie vor den Riesen auf den Tisch.
Der Riese strich über die Saiten, da begann die Harfe zu singen und sang allein weiter.
Der Riese lächelte und gähnte laut.
Die goldene Harfe sang wunderschön, und bald war der Riese eingeschlafen.
Hans fand, daß die Zauberharfe das Schönste war, das er je gesehen hatte.
Sobald der Riese eingeschlafen war, kletterte Hans aus der Lade und schnappte sich die Harfe.
Doch die rief laut:
„Hilfe! Meister, wach auf!“
Hans packte die Harfe und rannte um sein Leben.
Der Riese sprang auf die Beine und blieb Hans auf den Fersen, als er aus dem Schloß und zur Bohnenstange flitzte.
Der Weg schien gar kein Ende zu nehmen.
Hans sah sich nicht ein einziges Mal um, doch er konnte den Riesen hinter sich heuchen hören.

Mit knappem Vorsprung erreichte Hans die Bohnenranke.
So schnell er nur konnte, rutschte er an ihrem Stamm hinunter, aber der schwankte bedrohlich, denn der Riese kletterte brüllend hinterher.
„Mutter!“ rief Hans in höchster Not.
„Schnell, bring mir das Beil!“
Ein Blick hinauf genügte, und schon lief die Mutter, um das Beil zu holen.
Als Hans unten ankam, nahm ihm die Mutter schnell die Harfe ab und gab ihm das Beil.
Mit kräftigen Hieben hackte er auf den Stamm los.
„Schneller!“ feuerte ihn seine Mutter an.
Das Brüllen des Riesen kam immer näher.
Da, endlich! Mit letzter Kraft hieb Hans den Stamm um, und mit lautem Krachen fiel die Ranke samt dem Riesen zu Boden.
So gewaltig war der Sturz, daß er ein tiefes Loch in den Boden grub, in dem der Riese auf Nimmerwiedersehen verschwand.
Hans und seine Mutter aber lebten von nun an glücklich und zufrieden.
Dank des goldenen Huhns hatten sie keine Geldsorgen mehr, und die Harfe sang Hans jeden Abend zum Einschlafen die schönsten Lieder vor.


