Märchen

  • 16 Wo ist Willi?

    Jeden Morgen stand Mutti als Erste auf und ließ den kleinen Dackel Willi in den Garten, damit er sein Geschäft erledigen konnte.
    Dann bekam Willi sein Frühstück.
    Erst danach ging Mutti herum und weckte uns alle.
    “Aufstehen, anziehen, in die Schule gehen”, rief sie durchs ganze Haus.
    Das galt auch für Vati, der war nämlich Lehrer und musste wie wir zur Schule.

    Eines Morgens im Dezember jedoch kam sie ins dunkle Wohnzimmer, wo Willis Körbchen stand.
    Doch Willi kam ihr nicht wie gewöhnlich schwanzwedelnd entgegen.
    Er war überhaupt nicht da!
    Mutti suchte ihn im ganzen Haus.
    Sie machte sich große Sorgen, weil sie ihn nirgends finden konnte.
    Alle Türen waren geschlossen und die Fenster auch, klar, es war doch Winter.
    Wo war Willi bloß. er konnte sich doch nicht einfach in Luft aufgelöst haben?

    Aufgeregt ging sie ins Schlafzimmer, wo Vati noch schlief.
    Er hatte sich ganz unters Bettzeug verkrochen, nur der dunkle Bart schaute noch heraus.
    Aber was war das?
    Auf der anderen Seite schaute auch ein dunkler Bart unter der Decke hervor!
    Mutti musste lachen.
    Jetzt wusste sie, wo Willi steckte.

    Aber welcher Bart gehört nun zu Vati, und welcher war von Willi?
    Dazu kam noch, dass beide Bärte laut schnarchten.

    Sie lief rasch und weckte uns Kinder.
    “Kommt schnell mit, aber leise!”
    Dann standen wir an Vatis Bett und sahen, was los war.

    Sabine flüsterte: “Ist doch klar, das da ist Willi!” und zupfte an einem der Bärte.
    “Was ist denn los?”, brummte Vati verschlafen.
    Er war sehr erstaunt, als er merkte, dass wir alle an seinem Bett standen.

    Willi wachte auch auf, wedelte aufgeregt mit dem Schwanz und freute sich.
    Warum Willi in Vatis Bett gekrochen war, konnten wir uns denken.
    Ihm war es in seinem Körbchen wohl zu kalt geworden, so ganz allein.
    Da hatte er sich einfach an Vatis warmem Rücken aufgewärmt.
    Unser Willi war wirklich der klügste Hund der Welt!

  • 15 Willi und der Knochen

    Unser kleiner Dackel Willi hatte Geburtstag.
    Er wurde ein Jahr alt.
    Unsere Familie beschloss, richtig mit ihm zu feiern, und jeder überlegte sich eine Geburtstagsüberraschung.
    Von Mutti bekam er ein Stück Fleischwurst zum Frühstück, denn die mochte Willi am allerliebsten.
    Ich schenke ihm eine weiche Kuscheldecke für sein Körbchen.
    Vatis Geschenk war ein Spaziergang im Tierpark.

    Aber mein Bruder hat dann alles übertroffen.
    Er hatte nach der Schule in einer Metzgerei einen Knochen für Willi gekauft.
    Es war der größte Knochen, den man sich vorstellen konnte.
    Dreimal so lang wie der Dackel und mindestens doppelt so schwer.
    Willi war verblüfft und vergaß für einen Moment sogar das Schwanzwedeln.
    Lange Zeit schnupperte er an dem dicken Knochen herum.
    Dann endlich fand er eine Stelle, wo er zubeißen konnte.
    Er versuchte, den Knochen wegzutragen, aber immer wieder stieß er an Möbeln an.
    Klock, klock!
    Wenn wir ihm helfen wollten, knurrte er böse, um sein Geschenk zu verteidigen.
    Schließlich schaffte er es, den Riesenknochen unter die Eckbank zu zerren.

    Ja, und da blieb Willi dann sitzen und bewachte seinen Knochen.
    Drei ganze Tage und Nächte lang kam er nicht mehr unter der Bank hervor.
    Nur wenn wir nicht im Raum waren, flitzte er in die Küche, um zu fressen und zu trinken, oder er lief durch die Klappe in der Hintertür nach draußen, um dort das Beinchen zu heben.
    Sobald aber einer von uns den Raum betrat, sauste er wieder in seine Höhle und fletschte die Zähne.
    Unser Willi war zu einem wilden, bösen Tier geworden.
    Er hatte offensichtlich vergessen, wie lieb er uns hatte.

    Wir waren ratlos, was wir tun sollten.
    Der Knochen würde bald anfangen zu stinken; wir mussten ihn unter der Eckbank hervorholen.
    Aber keiner von uns wollte gebissen werden.
    Schließlich hatte Vati eine Idee.
    Er nahm einen Besen und hielt ihn unter die Bank.
    Willi biss mit seinen langen, spitzen Zähnen hinein und ließ nicht mehr locker.
    Vati konnte ihn mitsamt dem Besen herausziehen.
    Im gleichen Augenblick kam Mutti dem Schrubber von der anderen Seite und schob den Knochen hinaus.
    Sie nahm ihn bliztschnell und rannte damit zur Mülltonne.

    Geschafft!
    Von dieser Sekunde an war unser Willi wieder der allerliebste Hund auf Erden.
    Er wedelte mit dem Schwanz und ließ sich streicheln und kraulen.

  • 14 Willi schläft

    Der kleine Dackel Willi liebte Spaziergänge.
    Dreimal am Tag ging einer von unserer Familie mit ihm hinaus.
    Wenn Willi dann wiederkam, legte er sich ins Körbchen und machte ein Nickerchen.
    Kaum war er eingeschlafen, begann er auch schon zu fiepen und zu japsen.
    Seine kurzen Beinchen zuckten, manchmal sah es aus, als ob er im Schlaf laufen würde.
    “Können Hunde träumen?”, fragte Sabine, die ihn beobachtete.
    “Ja, natürlich!”, erklärte Mutti, “er träumt von Kaninchen und Mäusen.”
    “Dann jagt er wohl gerade eins!”, vermutete Sabine.

    Plötzlich wurde Willi wieder ganz ruhig und schlummerte friedlich weiter.
    “Er hat es erwischt”, lachte Sabine, “guck mal, wie zufrieden er aussieht!”

    Ja, da hatte Willi wohl im Traum geschafft, was er in Wirklichkeit nicht konnte.
    Er war nämlich einfach zu langsam für die Jagd.
    Vor lauter Schnüffeln merkte er oft gar nicht, dass er gerade an einem Kaninchen, das ruhig dahockte, vorbeigelaufen  war.
    Erst wenn es weghoppelte, sah er es.
    Dann war es aber zu spät, und das Kaninchen war in aller Seelenruhe in seinem Loch verschwunden.

    Wir beschlossen, dem schlafenden Willi einen Streich zu spielen.

    Mein Bruder holte eine dünne Scheibe Fleischwurst.
    Die legten wir ihm quer über die lange Schnauze.
    Willi schlief selig weiter.
    Aber er spürte wohl, dass etwas nicht in Ordnung war.
    Ganz langsam regte sich etwas in ihm.
    Erst drehte er sich ein wenig.
    Dann begann seine schwarze, glänzende Nasenspitze zu schnuppern.
    Schnüffel, schnüffel.
    Die Nase bewegte sich stärker.
    Noch lag der kleine Hund reglos da, nur die Nase war schon wach.
    Dann auf einmal hatte Willi gemerkt, dass es nach leckerer Wurst roch.
    Sogar ganz nahe!
    Er öffnete erstaunt die Augen.
    Es ist aber so, dass Hunde nur sehr schlecht sehen können.
    Auch Willi sah erst einmal nichts Bosonderes.
    Aber da war ja immer noch der Duft!
    Ohne unser Gelächter zu verstehen, sprang er auf die Beine und begann zu suchen.
    Immer mit der Scheibe Wurst auf seiner Nase.
    Die war schon ein wenig zur Seite gerutscht und wackelte bei jeder Bewegung.
    Freudig wedelte Willi mit dem Schwanz.

    Jetzt hatte er die Wurst gefunden!
    Er schielte an seiner Schnauze entlang und mit elegantem Schwung warf er die Scheibe in die Luft.
    Haps!
    Er hatte die Wurst verschlungen, ohne dass sie auf den Boden fiel.
    Ein tolles Kunststück!
    Und er wollte direkt noch eine, zur Belohnung.

  • 13 Willi im Schnee

    Es hatte über Nacht geschneit.
    Willis erster Schnee!
    Wir alle waren neugierig, was er wohl machen würde, wenn er die neue weiße Welt sah.
    Mutti öffnete die Haustür, um ihn hinauszulassen, und wie immer sauste Willi unter großem Gebell los.
    Doch dann blieb er plötzlich stehen und war still.

    Was war das?
    Willi schnupperte vorsichtig.
    Er traute sich zuerst nicht, mit der Pfote in das weiße, kalte Zeug zu treten.
    Er winselte und lief dort, wo der Schnee begann, hin und her.

    Wir versuchten ihn zu beruhigen: “Komm doch, Willi, der Schnee tut dir nichts!”
    Irgendwann merkte Willi, dass der Schnee nicht gefährlich war.
    Er tapste los und zog dabei die Pfoten an, wie ein Storch im Salat, nur mit kurzen, krummen Beinen!
    Das sah sehr drollig aus.
    Wir liefen mit ihm in den Garten, dort wälzte sich Willi erst einmal ausgiebig und grunzte, als es sich gut anfühlte.
    Er hopste durch den tiefen Schnee und ließ seine langen Schlappohren flattern.
    Wir lachten, denn er sah wie ein kleiner Hase aus.

    Ganz plötzlich blieb Willi stehen und stach mit seiner spitzen Schnauze in die weiche Masse.
    Er schnaufte laut, sicher hatte er Schneeflocken in die Nase bekommen.
    Bald wussten wir, warum Willi immerzu den Kopf in den Schnee stupste.
    Er hatte eine Maus im Mauseloch gewittert und versuchte die Spur zu finden.
    Aber er fand keine, auch nicht, als er wie wild zu graben begann.
    Der Schnee färbte sich braun vor der Gartenerde, und im Nu sah unser Garten wie ein Schlachtfeld aus.
    Mutti war gar nicht erfreut, als sie hinaussah.
    Sie rief uns herein.

    Vor der Tür mussten wir uns die nassen schmutzigen Schuhe ausziehen.
    Mutti rubbelte währenddessen Willi sauber.
    Plötzlich lachte sie laut auf.
    Sie zeigte uns den Grund.
    An Willis Bauchzotteln hingen hauter kleine Eiszapfen.
    Manche waren sogar richtig lang und klingelten bei jedem Schritt aneinander.

    Als Willi dann in seinem Körbchen lag, leckte er noch lange seine Pfoten, bis sie wieder warm waren.

  • 12 Willi kann es

    Eines Tages las Opa in einer Zeitschrift von einem Test für Hunde.
    Damit ließ sich angeblich herausfinden, ob der Hund zu den schlauen oder den dummen Tieren gehörte.
    Der Test wurde in dem Artikel genau beschrieben, und Opa las ihn nach dem Abendessen laut vor.
    Nun waren alle neugierig, wie wohl Willi abschneiden würde, und wir beschlossen, ihn zu testen.

    Die erste Aufgabe war eine Gehörprüfung.
    Wir riefen “Willi, Willi!” – und richtig, Willi kam angedackelt.
    Das war zu einfach.

    Wir machten den nächsten Test.
    Ein Stück Wurst wurde Willi gezeigt und dann unter einer umgedrehten Rührschüssel versteckt.
    Ein kluges Tier hätte die Schüssel jetzt umgestoßen und die Wurst gefunden.
    Willi aber schnüffelte nur aufgeregt an dem komischen Ding und gab dann auf.
    Diese Aufgabe hatte er also nicht bestanden.

    Dann sollte sich einer von uns verstecken, und Willi sollte ihn aufspüren.
    Oje, das ging aber jämmerlich daneben.
    Willi rannte schlichtweg an dem Versteck vorbei, setzte sich und kratzte sich hinter dem Ohr.

    Den Suchtest mit den drei umgedrehten Schüsseln, von denen nur eine wirklich Wurst verbarg, machten wir erst gar nicht mehr.

    Traurig stellten wir fest: “Er ist dumm! Aber wir haben ihn trotzdem lieb.”

    Da begann Willi plötzlich zu bellen und rannte zur Speisekammer.
    Die Tür war zu, aber Willi warf sich immer wieder mit dem ganzen Gewicht dagegen, bis sie aufsprang.
    In der Kammer stand Mutti und war dabei, Willis Trockenfutter in eine Dose umzufüllen.
    Das konnte unser Hund also durch die gescholossene Tür erkennen.
    Wir jubelten.
    Er hatte im Grunde alle Prüfungen bestanden!

    Unser Willi war doch der Allerbeste.